Als Inger Klein Olsen, heute Inger Klein Thorhauge, am 1. Dezember 2010 das Kommando auf der Queen Victoria übernahm, schrieb sie maritime Geschichte. Sie wurde die erste Frau, die in der langen Geschichte der Cunard Line zur Kapitänin ernannt wurde – ein Meilenstein in einer Branche, in der Frauen auf der Brücke bis heute selten sind.
Text: Oliver P. Mueller
Bilder: Cunard Line
Cunard Line: Eine Frau in 175 Jahren
Die erste Frau Kapitän der Cunard Line war damals 43 Jahre alt, als sie am 1. Dezember 2010 das Kommando über die Queen Victoria übernahm. Inger Klein Olsen, die seit ihrer Hochzeit Inger Klein Thorhauge heißt, schrieb damit Geschichte: Zum ersten Mal seit der Gründung der britischen Traditionsreederei im Jahr 1840 stand eine Frau als Kapitänin an der Spitze eines Cunard-Schiffes.
Auch fünf Jahre später, bei den Feierlichkeiten zum 175. Geburtstag der Cunard Line, ist dieser historische Moment noch präsent. Als alle drei Queens in Liverpool von rund einer Million Menschen bestaunt werden, steht Thorhauge erneut im Mittelpunkt des Interesses.
Auf der Pressekonferenz muss sie einmal mehr ihre Frau stehen. Denn obwohl sie längst bewiesen hat, dass sie ihr Schiff souverän führt, wird sie noch immer als Ausnahmeerscheinung betrachtet.

Inger Thorhauge: Kapitänin in einer Männerwelt
Inger Klein Thorhauge ist zu diesem Zeitpunkt eine von nur wenigen weiblichen Kapitänen auf Kreuzfahrtschiffen – in einer Branche, die noch immer stark von Männern geprägt ist. Unter mehr als 1.500 Kollegen gibt es nur eine kleine Zahl von Frauen auf vergleichbaren Positionen.
Auch Passagiere sprechen sie häufig auf ihren Beruf an. Die Kamera ist oft nicht weit, wenn sie auftaucht. Für viele ist es noch immer überraschend, eine Frau als Kapitänin zu sehen.
Sie selbst begegnet diesen Reaktionen mit Gelassenheit und Humor:
„Wo ich bin, ist auch immer eine Kamera. Es ist für viele noch überraschend, eine Frau als Kapitän zu haben. Meistens gibt es einige ältere Herren, die dann bemerken: Oh, eine Frau am Steuer! Wenn das mal was wird. Ich antworte immer: Ja, eine Frau – und das war ich auch schon gestern, als wir in dem engen Hafenbecken angelegt haben.“
Es ist ein Satz, der viel über ihre Haltung verrät. Nicht laut, nicht kämpferisch im plakativen Sinne, sondern ruhig, präzise und selbstbewusst.
Für Thorhauge zählt am Ende nicht das Geschlecht, sondern Kompetenz:
„Wenn man seinen Job beherrscht, ist es doch egal, ob man Frau, Mann oder irgendetwas anderes ist.“
Queen Victoria: Historisches Kommando auf einem Cunard-Schiff
Dass Inger Thorhauge ausgerechnet auf der Queen Victoria Geschichte schreibt, passt zur Symbolik der Cunard Line. Die Reederei steht seit Generationen für britische Seefahrtstradition, elegante Ozeanreisen und eine besondere Form von Cruise-Kultur.
Doch Tradition bedeutet nicht Stillstand. Mit der Ernennung Thorhauges zur Kapitänin sendete Cunard ein starkes Zeichen: Auch eine traditionsreiche Reederei kann sich verändern, ohne ihre Identität zu verlieren.
Thorhauge selbst macht um diesen historischen Status wenig Aufhebens. Der Rummel um ihre Person ist ihr eher fremd. Sie konzentriert sich lieber auf ihre Arbeit, auf die Crew, auf das Schiff und auf die Verantwortung, die mit dem Kommando verbunden ist.
Gerade diese Bescheidenheit macht ihre Geschichte so stark. Sie ist keine Kapitänin, die den Titel inszeniert. Sie ist eine Kapitänin, die ihn ausfüllt.
Von den Faröer-Inseln auf die Brücke der Queen Victoria
Ihr Leben war von klein auf vom Wasser geprägt. 1967 in Vestmanna geboren, wächst Inger Thorhauge als ältestes von vier Geschwistern auf den Faröer-Inseln auf – direkt am Meer.
Ihr Vater arbeitet als Chefingenieur auf einem Fischerboot und nimmt sie und ihre drei jüngeren Brüder regelmäßig mit an Bord. Das Schiff ist für sie kein fremder Ort, sondern ein Teil ihrer Kindheit.
Mit 16 Jahren heuert sie für einen Ferienjob auf einem Cargo-Schiff an, zunächst um ihr Taschengeld aufzubessern. Doch die Tage auf See, die fremden Häfen und das Leben an Bord faszinieren sie.
Aus dem Ferienjob wird eine Richtung. Thorhauge bewirbt sich als Kadettin, durchläuft die Offiziersränge und kommt 1997 zur Cunard Line. Dort wird sie Erste Offizierin auf der Caronia.
Eigentlich, sagt sie rückblickend, habe sie damals gedacht, sie mache das ein paar Jahre, lasse sich nieder und gründe eine Familie. Doch der Beruf lässt sie nicht mehr los.
Karriere bei Cunard Line und Rückkehr zur Queen Victoria
Nach mehreren Stationen bei anderen Reedereien innerhalb des Carnival-Konzerns kehrt Inger Thorhauge im August 2010 zu Cunard Line zurück. Zunächst wird sie Deputy Captain auf der Queen Victoria.
Nur fünf Monate später folgt der entscheidende Schritt: Ihr wird das Kommando übertragen.
Damit wird sie zur ersten Kapitänin in der Geschichte der Cunard Line – ein Moment, der nicht nur für sie persönlich bedeutsam ist, sondern auch für die Sichtbarkeit von Frauen in der Kreuzfahrtbranche.
Die Ernennung zeigt, dass Führung auf See nicht an ein Geschlecht gebunden ist. Sie verlangt Fachwissen, Erfahrung, Verantwortungsbewusstsein, Klarheit und die Fähigkeit, Menschen zu führen.
Führung auf See: Respekt, Verantwortung und emotionale Intelligenz
An Bord ist Inger Thorhauge für ihren Führungsstil geschätzt. Crew und Offiziere sprechen mit großem Respekt über sie. Dabei setzt sie nicht auf Distanz, sondern auf gegenseitige Wertschätzung.
Für Thorhauge sind neben nautischer Kompetenz vor allem die sogenannten weichen Fähigkeiten entscheidend: emotionale Intelligenz, Kommunikation, Respekt und die Fähigkeit, ein Team zusammenzuhalten.
Sie bringt es klar auf den Punkt:
„Um respektiert zu werden, muss man erst mal Respekt erweisen. Jeder an Bord ist wichtig.“
Diese Haltung prägt ihren Blick auf das Schiff als komplexes soziales System. Jeder Mensch an Bord trägt dazu bei, dass Gäste den unverwechselbaren Cunard-Service erleben können.
Das gilt für den Geschirrspüler genauso wie für den Maschinisten, den Deckarbeiter, die Offiziere und den Kapitän.
Oder eben: die Kapitänin.
Leben an Bord: Drei Monate Queen Victoria, sieben Tage die Woche
Das Leben als Kapitänin auf einem Kreuzfahrtschiff ist anspruchsvoll. Inger Thorhauge ist meist drei Monate am Stück an Bord. Ihre Arbeitstage beginnen gegen sieben Uhr morgens und enden oft erst gegen 20 Uhr – sieben Tage die Woche.
Bei Bedarf arbeitet sie länger. In schwierigen Passagen, bei stürmischem Wetter, beim An- und Ablegen oder wenn Lotsen an Bord kommen, steht sie persönlich auf der Brücke.
Die Verantwortung ist groß. Ein Kreuzfahrtschiff ist kein gewöhnlicher Arbeitsplatz, sondern eine schwimmende Welt mit Gästen, Crew, Technik, Logistik, Wetter, Häfen und komplexen Abläufen.
Thorhauge weiß, was dieser Beruf verlangt. Und sie weiß auch, dass ein Leben auf See nicht für jeden Menschen geeignet ist.
Frauen auf See: Zwischen Karriere, Familie und langen Abwesenheiten
Obwohl sie selbst diesen Weg gegangen ist, sieht Inger Thorhauge ein Berufsleben auf See realistisch. Gerade für Frauen mit Kindern sei die lange Abwesenheit von zu Hause oft eine besondere Herausforderung.
Sie spricht neun Sprachen und kennt die internationale Welt der Seefahrt aus eigener Erfahrung. Aber sie romantisiert sie nicht.
Monate am Stück weg von zuhause zu sein, verlangt viel. Es bedeutet, private Zeit, Familie und Alltag immer wieder loszulassen. Für viele Frauen, besonders mit Kindern, sei genau das schwer.
Damit benennt Thorhauge eine Realität, die in der Kreuzfahrtbranche häufig hinter der glänzenden Oberfläche verschwindet: Das Leben an Bord ist faszinierend, aber es fordert auch Verzicht.
Zuhause in Dänemark: Garten, Familie und Stricken
Vor drei Jahren heiratete Inger Klein Thorhauge ihren langjährigen Freund, einen dänischen Luftwaffenoffizier. Ihren Urlaub verbringt sie meist zuhause im dänischen Svendborg.
Dort freut sie sich auf ihren Mann, Familie, Freunde – und besonders auf ihren Garten.
An Bord entspannt sie in ihrer knappen Freizeit am liebsten beim Stricken. Wenn sie nach mehreren Monaten von Bord geht, hat sie oft neue Pullover für Freunde und Bekannte im Gepäck.
Es ist ein schönes Bild: die Kapitänin eines großen Cunard-Schiffes, die auf der Brücke höchste Verantwortung trägt und in ruhigen Momenten Masche für Masche Pullover strickt.
Gerade dieser Kontrast macht Inger Thorhauge so interessant. Sie verbindet maritime Autorität mit Gelassenheit, Professionalität mit Bodenständigkeit und historische Bedeutung mit persönlicher Bescheidenheit.
Fazit: Inger Thorhauge und ein Meilenstein der Kreuzfahrtgeschichte
Die Geschichte von Inger Klein Thorhauge ist mehr als eine persönliche Karrieregeschichte. Sie ist ein Meilenstein in der Geschichte der Cunard Line und ein starkes Zeichen für Frauen in der Kreuzfahrtbranche.
Als erste Frau Kapitän der Cunard Line hat sie gezeigt, dass Kompetenz, Erfahrung und Führungsstärke nicht von Geschlecht abhängen. Ihr Weg von den Faröer-Inseln auf die Brücke der Queen Victoria steht für Mut, Ausdauer und eine tiefe Verbundenheit mit dem Meer.
Gleichzeitig bleibt Thorhauge eine Persönlichkeit, die keinen großen Rummel um sich braucht. Sie führt ihr Schiff mit Ruhe, Klarheit und Respekt – und genau darin liegt ihre Stärke.
In 175 Jahren Cunard Line gab es lange nur Männer auf der Brücke. Mit Inger Thorhauge begann ein neues Kapitel.



