Eine Nacht in Havanna

23.10.2019

Die Vorfreude war dieses Mal groß. Sehr groß. Zum ersten Mal ging es für uns nach Kuba. Wir hatten von Freunden schon viel über das Land gehört. Die Rede war von Salsa, Mojito, Zigarren, Traumstrände und hübschen Männern. Kuba-Klischees as its bests.

Unser erstes Ziel war die Hauptstadt Havanna. Vom überraschend kleinen, ja fast schon schnuckeligen Flughafen ging es mit dem Taxi in die Innenstadt. Während der Fahrt öffnen wir das Fenster. Die Sonne schmeichelt unsere Gesichter, ein angenehmer Meereswind durchstreift unsere Haare. Temperaturen um die 28 Grad lassen sofort Urlaubsstimmung aufkommen. Perfekt.

Unsere Unterkunft ist das Gran Hotel Manzana
Kempinski im Herzen von Havanna, eines der schönsten Luxushotels Kubas. Nachdem wir es uns im Zimmer eingerichtet haben, waren wir neugierig. Wir schnappten uns unsere Handys, tippten den W-Lan-Code ein und starteten Grindr.

Das Grindr-Fenster öffnete sich. Und dann passierte: nichts. Nada. Die Grindr-Kacheln blieben leer. Komplett. Wir schauten uns verdutzt an. Was ist das denn, bitte?

Ist der W-Lan-Empfang hier im Kempinski-Hotel, in einem der besten Hotels in Kuba, etwa so mau, dass die – zugegebenermaßen recht datenhungrige Grindr-App – nicht ausreichend Saft bekommt? Dem wollten wir auf den Grund gehen. Wir verließen das Zimmer und machten uns auf den Weg zu dem Ort, wo bekanntermaßen der W-Lan-Empfang im Hotel am stärksten ist: die Lobby. Dort aber die Ernüchterung: wieder nichts. Während alle anderen Apps problemlos und ziemlich flott aufgerufen waren, blieb Grindr leer. Jetzt war aber unsere Neugier geweckt. Wir fragten Google, was los ist. Und tatsächlich: User berichteten in
verschiedenen Foren, dass ganz offensichtlich Grindr in Kuba nicht funktioniert. Das überrascht, schließlich ist eine Grindr-Sperre doch eher aus streng muslimischen Ländern bekannt …

Wie und wo kann man also andere Schwule in Havanna kennenlernen? Ein ganz heißer Tipp, auch das verriet uns Google, ist der Malecón. Havannas kilometerlange Uferstraße verbindet verschiedene Stadtteile der Hauptstadt miteinander – und ist vor allem abends Treffpunkt vieler junger Kubaner.

Auch die Schwulen habe einen eigenen Treffpunkt. In Höhe des Hotel Nacional sowie auf und rund um die Avenida 23 tummeln sie sich allabendlich. Nichts wie hin also. Von unserem Hotel flanieren wir gemütlichen Schrittes etwas mehr als eine halbe Stunde dorthin. Kaum angekommen, geraten wir auch schon ins Visier der Einheimischen. Wir gelten als Touristen. Als reiche Touristen. „Hola, how are you?“, schallt es uns immer wieder entgegen. Es ist kein Geheimnis: Einige der jungen Kubaner sind hier geschäftlich unterwegs und wollen uns vor allem eins verkaufen: sich selbst.

Wir nehmen Kurs auf die Bar, die abends sehr gut besucht sein soll: das Cabaret Las Vegas. Sie ist gleich um die Ecke. Wir haben Glück. Als wir um 22 Uhr ankommen, öffnet sie. Der Eintrittspreis ist – wie so vieles in Kuba – spottbillig: umgerechnet drei Euro zahlen wir. Eine nicht mehr ganz so junge Kellnerin führt uns an einen Platz, nicht weit von der Bühne. Gegen Mitternacht, so bedeutet sie uns, beginnt die Show.

Das Publikum, das nach und nach eintrudelt, ist bunt gemischt. Fast ausschließlich Cliquen nehmen an den Tischen Platz. Man plaudert, lacht, tratscht und gönnt sich einen Daiquiri oder Mojito. Die hübschesten Kerle aber, meist durchtrainierte Kerle in den Zwanzigern, sind allein hier. Sie stehen mit etwas Abstand vor den Toiletten und beobachten mit Argusaugen das Geschehen. Auch sie scheinen geschäftlich unterwegs zu sein …

Als dann um Mitternacht die Show beginnt, fällt uns fast der Mojito aus der Hand. Mehr als zwei Dutzend Tänzer und Tänzerinnen stürmen die Bühne und führen sensationelle Tanzeinlagen vor. Wir hatten ja eher mit einer Drag Queen gerechnet, die ein paar Songs trällert, aber das hier eine Armee bildhübscher Kerle eine Show darbietet, damit haben wir nicht gerechnet. Nach zwanzig Minuten ist das Spektakel auch schon vorbei und eine etwas wohlbeleibte Drag Queen übernimmt das Zepter. Also dann doch eher das, was wir eigentlich erwartet hatten. Auf Spanisch frotzelt sie mit dem Publikum, wir verstehen kein Wort. Zwischendurch zieht sie singend durch die Bar, ein lasziver Blick hier, ein Küsschen dort. Nach einer halben Stunde ist die Show vorbei. Nach Hause geht aber niemand. Denn jetzt nimmt der DJ das Zepter in die Hand. Die Drag-Queen-Bar verwandelt sich in einen Dance Club.

Nun scheint die Stunde der jungen Kerle geschlagen zu haben. Immer wieder nähern sie sich uns, suchen Blickkontakt. Einige fackeln nicht lange und kommen gleich zur Sache. Ob wir gleich noch was vorhätten? Einen Drink zu Hause vielleicht? Die Nacht in Havanna war noch lang für uns. Sehr lang.

Tagleiste