DREIAUSFAHRTEN.GRAN CANARIA.
Valleseco, Valsequillo und Santa Lucía zeigen drei sehr unterschiedliche Seiten Gran Canarias. Die Orte liegen nicht auf einer bequemen Rundstrecke und sollten auch nicht zu einer werden. Als drei einzelne Ausfahrten von Las Palmas führen sie in grüne Höhenlagen, historische Ortskerne und die trockeneren Landschaften des Südostens.
An einem Tag können auf Gran Canaria drei Wetterberichte gleichzeitig stimmen. Über Las Palmas liegt helles Atlantiklicht, in Valleseco hängen Wolken an den Hängen, und weiter südöstlich zeichnet die Sonne harte Konturen in die trockene Landschaft. Dazwischen liegen keine großen Entfernungen. Die Höhenzüge und Schluchten sorgen trotzdem dafür, dass jede Richtung wie eine eigene kleine Reise funktioniert.
Valleseco, Valsequillo und Santa Lucía de Tirajana werden deshalb besser nicht in eine ehrgeizige Tagestour gepackt. Auf der Karte ließe sich eine Linie zwischen ihnen ziehen. Auf der Straße würde daraus vor allem viel Fahrzeit. Interessanter sind drei einzelne Ausfahrten von Las Palmas, jeweils mit einem anderen Thema und ohne den Zwang, am Nachmittag noch zwei weitere Kirchtürme fotografieren zu müssen.
Valleseco und das „nasse“ trockene Tal
Zwischen Wolkenbändern, Höhenlagen und grünen Schluchten.
Der Name ist ein kleiner Widerspruch. Valleseco bedeutet trockenes Tal, doch die Gemeinde im nördlichen Zentrum Gran Canarias gehört zu den grünen Teilen der Insel. Durch das Gebiet verlaufen der Barranco de la Virgen und der Barranco de Madrelagua. Das zentrale Tal fällt etwas trockener aus und gab der Gemeinde ihren Namen. Rundherum sorgt die Höhenlage für ein anderes Bild.
Valleseco liegt auf etwa 1.000 Metern und wird häufig von einem Wolkenmeer erfasst. Die Feuchtigkeit bleibt an den Hängen hängen; Pflanzen wachsen dichter, Farben wirken satter, und die Luft kann deutlich kühler sein als an der Küste. Wer morgens in Las Palmas bei blauem Himmel startet, sollte daraus keine Kleiderordnung für den ganzen Tag ableiten.
Die Fahrt lohnt gerade wegen dieses Wechsels. Valleseco ist kein Ort für eine lange Sehenswürdigkeitenliste. Der Ortskern, die Landschaft zwischen den Schluchten und das Ethnografische Museum geben der Ausfahrt ihren Rahmen. Entscheidend bleibt jedoch das Dazwischen: Straßen, die durch bewohnte Höhenlagen führen, kleine Felder, bewaldete Abschnitte und Wolken, die eine Aussicht innerhalb weniger Minuten öffnen oder wieder schließen.
Valleseco liegt außerdem an der offiziellen Route durch das Inselzentrum. Sie verbindet den Ort unter anderem mit Teror und Artenara. Für einen Tagesausflug genügt es trotzdem, einen dieser Nachbarn auszuwählen. Teror ergänzt Valleseco um Basilika, historische Häuser und den Markt; Artenara um Felslandschaft, Höhlenhäuser und Blicke auf Roque Nublo und Roque Bentayga. Beide mitzunehmen verwandelt einen ruhigen Tag schnell in eine Abhakübung.
Eine andere Richtung. Ein anderer Teil der Insel.
Valsequillo und die Geschichte am Straßenrand
Nicht nur ein Fotomotiv: Geschichte zwischen den Fassaden.
Die zweite Ausfahrt führt nach Osten. Die offizielle Ostroute beginnt in Las Palmas, folgt zunächst der Küstenverbindung nach Telde und steigt anschließend nach Valsequillo hinauf. Schon der Weg zeigt, wie rasch die dicht bebaute Küste in Schluchten und landwirtschaftlich geprägte Höhenlagen übergeht.
Im Zentrum von Valsequillo de Gran Canaria liegen mehrere historische Punkte nah beieinander. Dazu gehören die Kirche San Miguel, die Skulptur San Miguel el Chico und das Cuartel El Colmenar. Die ehemalige Kaserne zählt zu den wichtigen historischen Bauwerken der Gemeinde und wurde 2003 als Kulturgut eingestuft.
Das klingt zunächst nach einem kurzen Kulturprogramm. Spannender wird der Besuch, wenn man die Bauwerke nicht als isolierte Fotomotive behandelt. Die Kaserne erinnert daran, dass die Dörfer im Inselinneren keineswegs nur aus hübschen Fassaden und Aussicht bestehen. Religiöse, militärische und landwirtschaftliche Geschichte liegen hier eng nebeneinander. Die Fußgängerzone macht es leicht, das Auto für eine Weile stehen zu lassen und den Ort tatsächlich zu Fuß zu lesen.
Wer den Tag verlängern möchte, entscheidet sich anschließend für einen weiteren Punkt der Ostroute, nicht für einen Sprung quer über die Insel. Telde bietet einen historischen Stadtkern und zahlreiche archäologische Fundstätten; Agüimes verbindet einen sorgfältig erhaltenen Ortskern mit dem Zugang zu den Landschaften des Südostens. So bleibt die Fahrt nachvollziehbar und der größte Teil des Tages findet außerhalb des Autos statt.
Wo die Landschaft trockener wird, verändert sich auch der Blick.
Santa Lucía und die zwei Seiten einer Gemeinde
Zwischen historischem Dorf und dem Alltag unten an der Küste.
Bei Santa Lucía lohnt schon vor der Abfahrt ein genauer Blick auf die Karte. Die Gemeinde Santa Lucía de Tirajana reicht von den oberen Lagen bis in den dichter besiedelten Südosten. Der historische Ort Santa Lucía liegt rund 680 Meter über dem Meer; das große Geschäftsgebiet von Vecindario gehört ebenfalls zur Gemeinde. Wer nur den Gemeindenamen ins Navigationsgerät tippt, kann deshalb an einem ganz anderen Ziel ankommen als erwartet.
Die Villa de Santa Lucía de Tirajana erkennt man an der Kirche im oberen Teil des Ortes. Ihre Fassade besteht aus bearbeitetem Stein, darüber sitzt eine weiße Kuppel, die aus der umgebenden Landschaft deutlich hervorsticht. Der Ort eignet sich für Reisende, die sehen möchten, wie sich Gran Canaria abseits der Küstenebene organisiert: mit einem kompakten Zentrum, Straßen am Hang und einer Landschaft, die trockener wirkt als rund um Valleseco.
Gerade der Gegensatz zu Vecindario ist aufschlussreich. Unten liegt eines der bedeutenden Geschäftszentren der Insel, oben der historische Ort mit Kirche und kleinerem Maßstab. Beides ist Santa Lucía. Die Gemeinde lässt sich deshalb schlecht auf ein einziges Postkartenmotiv reduzieren. Wer hinauffährt, versteht etwas über die Wege zwischen Küste, Arbeit, Handel und den älteren Siedlungen in den Bergen.
Für die Rückfahrt sollte genügend Tageslicht bleiben. Bergstraßen verlangen Aufmerksamkeit, und eine halbe Stunde auf der Karte kann sich durch Kurven, langsameren Verkehr oder einen Fotostopp verlängern. Wer bei Dunkelheit ungern Serpentinen fährt, kehrt lieber früher um. Urlaub muss keine Mutprobe sein.
Drei Richtungen statt einer Bestenliste
Keine der drei Ausfahrten braucht eine benannte Restaurantadresse. In den Orten gibt es lokale Gastronomie, Märkte und Geschäfte; welche Betriebe besucht und eventuell redaktionell genannt werden, sollte sich nach den offiziell freigegebenen Partnern und den aktuellen Öffnungstagen richten. Für die Planung sind zunächst Landschaft, Ortskern und Route entscheidend.
Auch ein Mietwagen ist nicht für jeden Tag notwendig. Wer Las Palmas erkundet, lässt ihn besser stehen. Für Valleseco, Valsequillo oder Santa Lucía schafft er jedoch die Freiheit, Wetter, Tempo und Stopps selbst zu bestimmen. Vor allem verhindert er, dass aus dem Inselinneren nur die Kulisse eines organisierten Halts wird.
Die drei Orte konkurrieren nicht um den Titel des schönsten Dorfes. Valleseco erklärt, wie Wolken und Höhe die Vegetation verändern. Valsequillo zeigt Geschichte in einem begehbaren Ortskern. Santa Lucía macht sichtbar, wie weit eine Gemeinde zwischen Bergen und wirtschaftlich geprägter Küstenebene reichen kann.
Am nächsten Morgen kann wieder Las Canteras vor dem Fenster liegen. Doch nach einer Fahrt ins Inselinnere sieht selbst die Küste anders aus. Nicht, weil sie an Reiz verloren hätte, sondern weil nun klar ist, was hinter den Höhenzügen beginnt.



