Es gibt Städte, die man fotografiert. Und Städte, die man schmeckt. Tampa Bay gehört entschieden zu den letzteren – nicht, weil die Stadt sich aufdrängt, sondern weil sie einen fast beiläufig in ihre kulinarische Geschichte hineinzieht. Ein Tag hier beginnt oft mit Wasser: Schwimmen, Paddeln, ein SpazierganEs gibt Städte, die man fotografiert. Und Städte, die man schmeckt. Tampa Bay gehört entschieden zu den letzteren – nicht, weil die Stadt sich aufdrängt, sondern weil sie einen fast beiläufig in ihre kulinarische Geschichte hineinzieht. Ein Tag hier beginnt oft mit Wasser: Schwimmen, Paddeln, ein Spaziergang entlang der Bucht. Und irgendwo zwischen salziger Luft und warmem Wind meldet sich ein Hunger, der weniger körperlich als neugierig ist. Tampa Bay antwortet darauf – mit einer Küche, die so vielfältig ist wie die Strömungen ihrer Buchten.


1. Morgens mit Joe – Ein Koch, der Aromen wie Erinnerung behandelt
Executive Chef Joe Pankrath ist so etwas wie der inoffizielle Chronist der Region – nur dass er nicht schreibt, sondern kocht. Seit über 25 Jahren widmet er sich Küchen in aller Welt: Südostasien, New England, klassische europäische Techniken, moderne amerikanische Fusion. All das trägt er heute in den Restaurants des JW Marriott zusammen, allerdings nie als Show, sondern als stilles, konzentriertes Handwerk.
Wenn er etwa eine Florida Red Snapper Crudo serviert – mit Limettenöl, hauchdünnen Chili-Scheiben und Korianderblüten –, ist das kein „Signature Dish“, sondern eine kleine Erzählung über die Nähe zwischen Meer und Garten. Ein anderes Mal steht eine Short Rib mit Kaffir-Limetten-Glasur auf der Karte, begleitet von geröstetem Maispüree; ein Gericht, das schwer klingt, aber am Gaumen erstaunlich leicht wirkt, weil Pankrath die Balance zwischen Süße, Säure und dem rauchigen Klang des Fleisches präzise austariert.
Das Entscheidende ist jedoch nicht die Rezeptur, sondern die Haltung: Pankrath kocht saisonal, regional, neugierig – und immer mit dem Bewusstsein, dass Menschen im Urlaub nicht nur satt werden wollen, sondern ankommen.
2. Tampa und Michelin – eine stille Komplizenschaft
Der Michelin-Bib-Gourmand ist eine Auszeichnung ohne Glamour. Er steht nicht für Luxus, sondern für Ehrlichkeit in der Küche: gutes Essen zu fairen Preisen, präzise gekocht, mit Charakter statt Chichi.
Dass Tampa Bay 2022 drei solcher Auszeichnungen erhielt – Ichicoro, Rooster & the Till, Rocca –, sagt weniger etwas über die Restaurants aus als über die Stadt selbst. Diese Küchen wirken, als hätte jemand Orte gesucht, an denen Essen noch als Ausdruck eines Viertels statt als Dekoration funktioniert.
Seminole Heights, wo zwei der Restaurants liegen, war früher eines der ältesten Straßenbahnviertel der Stadt. Heute mischen sich dort Bungalows aus den 1920ern mit neuen Cafés, Tattoo-Studios, Vinyl-Läden und Bars – ein urbanes Ökosystem, das Kreativität hervorbringt, weil es nicht geplant, sondern gewachsen ist.
Tampa Heights, Heimat des Rocca, ist das historische Bindeglied zwischen Downtown und Ybor City: ein Viertel, in dem einst Arbeiter lebten, die Zigarrenfabriken betrieben – und das heute eine der spannendsten Revitalisierungen Floridas erlebt.
Für Reisende bedeutet die Bib-Auszeichnung hier etwas Besonderes: Sie zeigt, dass Tampa Bay nicht „trendy“ sein will – sondern gut.
3. Oxford Exchange – Ein Haus, das seine Gäste entschleunigt
Der Oxford Exchange ist weniger ein Restaurant als eine architektonische Idee: Wie schafft man einen Raum, in dem Essen nicht konsumiert, sondern begleitet wird?
Das Gebäude – ein ehemaliges Pferdestall-Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert – wurde mit dem Ziel renoviert, die Atmosphäre eines britischen Gentlemen’s Clubs mit floridianischem Licht zu verbinden. Das Ergebnis ist ein Ensemble aus Bibliothek, Brasserie, Teesalon, Galerie und einem Wintergarten, in dem Weinreben Schatten auf Marmortische werfen.
Was hier geschieht, hat wenig mit „schnell etwas essen“ zu tun: Menschen sitzen im Wintergarten und lassen ihr Gespräch von der Bewegung des Glasdachs strukturieren. Andere stehen minutenlang vor der kleinen Buchhandlung, weil der Duft frischgedruckter Seiten sich mit Kaffee und warmem Gebäck vermischt. Das Essen – saisonal, regional, präzise – wirkt wie ein ruhiger Kommentar zur Atmosphäre.
Der Oxford Exchange entschleunigt nicht, weil er leiser ist, sondern weil er Räume bietet, in denen man wieder zuhört – und schmeckt.

4. Ybor City – Sizilien, das nie den Atlantik verlassen hat
Um Tampa Bay zu verstehen, muss man durch Ybor City gehen – das historische Viertel, das einst von kubanischen, spanischen und besonders sizilianischen Einwanderern geprägt wurde. Ende des 19. Jahrhunderts kamen sie als Arbeiter für die Zigarrenindustrie; doch mitgebracht haben sie eine Küche, die weder „amerikanisch“ noch „authentisch italienisch“ war, sondern etwas Drittes: Einwandererküche – pragmatisch, würzig, herzlich.
Casa Santo Stefano ist eine Hommage an genau dieses Erbe. Untergebracht in einer ehemaligen Makkaroni-Fabrik von 1925, kocht man dort keine perfekte italienische Küche, sondern eine, die über Generationen hinweg von Migration geformt wurde.
Gerichte wie Pasta al Forno, Tintenfisch in Tomaten-Oliven-Sauce oder Ricotta-Käsekuchen mit Zitrusblüten sind nicht „südliches Italien“, sondern „Ybor City-Sizilien“ – eine kulinarische Fußnote, die zur Hauptsache geworden ist.
Warum ist das wichtig? Weil Essen hier nicht aus Rezepten besteht, sondern aus Geschichten.
5. Craft Beer – Wenn eine Stadt beginnt, flüssig zu denken
Craft Beer ist in Tampa Bay kein Trend, sondern Kultur. Die Region zählt heute rund über 100 Craft-Biere und mehr als 80 Brauereien und Taprooms, die gemeinsam eine der lebendigsten Bierszenen Floridas bilden.
Was die Szene besonders macht?
- Experimentierfreude: Fruchtige IPAs, Kaffeenoten, Zitrusinfusionen, salzige Gose-Varianten – Tampa behandelt Bier wie eine sensorische Landkarte.
- Kleinteilige Produktion: Viele Brauer arbeiten in kleinen Batches, die eher Kunsteditionen als Massenprodukte sind.
- Saisonale Braukonzepte: Winterbiere mit Zimt und Karamell, Sommerbiere mit Mango und Passionsfrucht.
Craft Beer hier schmeckt nicht „stark“, „hopfig“ oder „kalt“.
Es schmeckt nach Ortskenntnis.
Wer Tampa Bay verstehen will, muss mindestens ein Glas trinken – nicht, um berauscht zu sein, sondern um zu begreifen, wie eine Stadt schmecken kann.
Eine Stadt, die Appetit erzeugt, ohne satt zu machen
Am Ende eines solchen Tages ist man nicht einfach „voll“. Man ist angesprochen.
Tampa Bay hat die seltene Fähigkeit, Essensrituale in kleine Erkenntnisse zu verwandeln: dass eine Stadt Küche sein kann, dass Hunger eine Reiseform ist und dass manche Orte sich nicht über Sehenswürdigkeiten erklären, sondern über Geschmack. Und vielleicht versteht man genau dann, wenn man müde und zufrieden am Wasser sitzt, warum Tampa Bay sich nicht anpreisen muss. Die Stadt weiß, dass der Mensch immer dorthin zurückkehrt, wo er gut gegessen und sich gut gefühlt hat.

Weiterführende Informationen über Tampa Bay:
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